Möglichkeiten der Beteiligung und der Beschwerde gemäß Art. 2 BKiSchG
Das Internat Friedrichsheim am Hochrhein wurde 1996, damals als Internat Schloß Bohlingen, gegründet. Aus der langjährigen Erfahrung im Leben und Lernen mit Kindern und Jugendlichen haben wir ein realitätsnahes Konzept entwickelt, dass allen ein hohes Maß an Beteiligung und eigenständiger Übernahme von Verantwortung ermöglicht. Gelegenheiten hierzu bieten sich schon in der normalen Gestaltung des Alltags. Kinder und Jugendliche machen durch ihre Mitarbeit die Erfahrung, dass ihr Beitrag von Bedeutung ist. Schon das ermöglicht ihnen häufig den ersten Schritt heraus aus der oft isolierten Situation des sogenannt „Schwierigen“.
Wir sind eine kleine Einrichtung mit gut überschaubaren Strukturen. Beteiligung und Beschwerde gehören zu unserem Alltag. Wir nehmen beides sehr ernst und haben in unserem Tagesablauf vielfache Gelegenheiten geschaffen, in denen die Kinder und Jugendlichen ihre Belange einbringen. Darüber hinaus haben sie jederzeit die Möglichkeit, ihre Eltern, Bezugspersonen und oder auch andere am Hilfeplanverfahren Beteiligte wie Jugendämter, Familienhelfer, Therapeuten und Ärzte einzubeziehen. Die Kinder und Jugendlichen können ihrem Alter entsprechend eigenständig Termine vereinbaren und wahrnehmen. Das, was die Kinder und Jugendlichen berichten, bleibt im vertrauensgeschützten Rahmen. Das gilt auch für die Wahl der Ansprechpartner im Bereich Internat oder Schülerwohnheim.
Wir begrüßen es, dass Kinder und Jugendliche das geschützte Recht haben, sich zu beteiligen und zu beschweren. Das schafft eine wichtige Grundlage für einen offenen und direkten Dialog und ist ein gutes Übungsfeld für das spätere Bestehen im beruflichen Alltag. Die Kinder und Jugendlichen lernen ihre Vorstellungen zu entwickeln und sich zu vertreten. Sie lernen einander zuzuhören und üben die wechselseitige Rücksichtnahme, die Zusammenarbeit über Einigung ein.
Beteiligung
Die Kinder und Jugendlichen im Internat
Friedrichsheim am Hochrhein bringen sich auf vielfältige Weise
in unserem Zusammenleben ein. Sie gestalten und planen den
Alltag aktiv mit. Im Folgenden werden exemplarisch einige
Bereiche vorgestellt, in denen sie sich beteiligen:
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Belegung und Einrichtung der Zimmer:
Die Kinder und Jugendlichen äußern ihre Wünsche und Vorstellungen zur Zimmerbelegung. Diese werden möglichst berücksichtigt. Auch Wünsche zur Einrichtung ihres Zimmers können in Absprache mit dem Hausmeister und den Erziehern realisiert werden. Das umfasst z.B. den Bau von Möbeln, die individuelle Einrichtung von Arbeitsecken, das Aufstellen von Pflanzen, die Dekoration der Wände usw. Die älteren Jugendlichen haben sich einen Gruppenraum gestaltet. Das Geld hierfür haben sie als Spenden von Vereinen für ihre Unterstützung bei den Festen im Dorf erhalten.
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Essensplanung, -zubereitung und -ausgabe:
Eine Gruppe von Schülern stellt unter Anleitung unserer Hauswirtschaftsmeisterin wöchentlich den Speiseplan auf, plant und unterstützt den Einkauf. Schüler kochen am Wochenende zusammen mit einem Erzieher oder richten das Abendessen und das Frühstück. In diesen Aufgabenbereichen haben die Schüler die Möglichkeit, sich mit ihren Ideen kreativ und in Zusammenarbeit mit den Anderen einzubringen. Ihr Bemühen wird bei der anschließenden Essensausgabe entsprechend gewürdigt. Auf vielfachen Wunsch hin wird aktuell ein Kochbuch von den Schülern erstellt. Die Rezepte werden im Internat an den Wochenenden erprobt. Die Großeltern unserer Schüler sind hier sehr engagiert.
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Freizeit- und Wochenendaktivitäten
Nach der Erledigung der Hausaufgaben werden im Internat täglich verschiedene Freizeitaktivitäten angeboten. In der jeweils um 16.00 Uhr stattfindenden Besprechung wird vereinbart, für welches Angebot sich jeder entscheidet bzw. wer etwas Anderes machen möchte. Für das Wochenende werden die Aktivitäten jeweils samstag- und sonntagmittags mit den Kindern und Jugendlichen geplant. Bei der Auswahl und Durchführung der Aktivitäten beteiligen die Eltern der Schüler sich gerne. Wenn Kinder oder Jugendliche neu in das Internat oder in das Schülerwohnheim aufgenommen werden, bringen sie auch viele Ideen und Vorstellungen zur Gestaltung ihrer Freizeit mit. Nachdem sie sich eingelebt haben, können sie zusammen mit ihrem Bezugserzieher individuelle, über das allgemeine Freizeitangebot des Internats hinausgehende Aktivitäten planen und realisieren.
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Feste und Veranstaltungen
Alljährlich werden Kaffeeeinladungen für die Senioren des Ortes von unseren Kindern und Jugendlichen weitgehend in eigener Regie geplant und durchgeführt. Die Kinder und Jugendlichen stellen mit Unterstützung der Erzieher das Programm zusammen, backen Kuchen, basteln die Dekorationen und bewirten die Gäste. Die Kinder und Jugendlichen beteiligen sich in verschiedenen Vereinen im Ort. Sie sind auch fest in der Unterstützung des jüdischen Museums engagiert; dort übernehmen sie neben der Bewirtung von Gästen auch Aufgaben wie das Verlesen von Namen der Deportierten bei Gedenkveranstaltungen. Ferner wurde ihnen ein Dokument über die Flucht der ältesten Tochter des letzten Rabbiners übergeben, aus dem sie jetzt als Schenkung für das Museum eine Broschüre erstellt haben.
Beschwerde
Eine Grundlage unserer pädagogischen Arbeit ist es, den Schüler und seine Belange ernst zu nehmen. Dazu zählt auch der gewissenhafte Umgang mit Beschwerden. Nur wenn der Schüler sich in seinen Anliegen angenommen fühlt, kann er Vertrauen fassen. Strukturell haben wir folgende Möglichkeiten geschaffen:
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„Kummerkasten“ vor dem Büro
Hier können die Kinder und Jugendlichen offen und auch in anonymisierter Form Fragen, Anliegen und Beschwerden schriftlich mitteilen und in die Bedarfsklärung geben. -
Gesprächsangebote in unterschiedlichen Formen im Internat
Die Kinder und Jugendlichen haben vielfältige Gelegenheit, sich aktiv und gleichberechtigt in die Gestaltung des Zusammenlebens einzubringen. Ihre Sichtweisen und Meinungen werden ernst genommen. Sie werden unterstützt und angeleitet, einander aktiv zuzuhören, den eigenen Standpunkt zu formulieren und den Standpunkt anderer zu respektieren. Dazu zählen die wöchentlichen Gespräche mit den Bezugserziehern. Sie finden im vertrauensgeschützten Rahmen statt. Beide, d.h. Schüler und Erzieher, entscheiden über die mögliche Weitergabe von Informationen. -
Eingabe von Themen in die wöchentlichen Teamgespräche
Für die wöchentliche Teambesprechung der Erzieher können die Kinder und Jugendlichen Themen, Anregungen und Beschwerden einreichen, die dort unmittelbar aufgegriffen und behandelt werden. Sie erhalten zeitnah eine Rückmeldung. -
tägliche Schülerrunde am Nachmittag (sonntags auch mit Elternbeteiligung)
Nach der Lernzeit (14.30 – 16.00 Uhr) gibt es eine Hausbesprechung mit allen Kindern und Jugendlichen des Internats. Inhalte dieser Besprechung sind neben der Absprache und Planung der Freizeitaktivitäten je nach Bedarf die Auswertung der Lernzeit, die Abendgestaltung sowie die Klärung von Anliegen. In dieser Gesprächsrunde wird Wert auf eine demokratische Gesprächskultur gelegt: Jedes Kind und jeder Jugendliche soll sich offen und angstfrei einbringen können. Sonntags nehmen auch Eltern, die zu Besuch sind, an diesen Besprechungen teil. -
Alters- und geschlechtsgetrennte Besprechungen am Abend (je nach Bedarf 1-2 mal wöchentlich)
Nach dem Abendessen bieten wir den Kindern und Jugendlichen - je nach Alter und nach Geschlecht getrennt - die Möglichkeit, persönliche und spezifische Themen zu besprechen. Dieses Angebot wird im Besonderen von den älteren Jugendlichen gerne genutzt.
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regelmäßige Kontaktmöglichkeiten zu dem zuständigen Jugendamt
Die Kinder und Jugendlichen werden von uns dazu angehalten und ermuntert, regelmäßig den zuständigen Mitarbeitern in den Jugendämtern zu schreiben, wie es ihnen geht, welche Anliegen sie haben und wie sie selbst ihren derzeitigen Stand einschätzen. Das geht über die obligatorische Selbsteinschätzung zu den Hilfeplanterminen hinaus. -
regelmäßige Kontaktmöglichkeiten zu den Eltern und sonstigen Familienangehörigen
Jedes Kind und jeder Jugendliche hat zweimal wöchentlich – nach einem durch sie selber erstellten Plan – einen Termin, an dem Eltern oder andere Familienangehörige anrufen. Dafür stehen eigens zwei Anschlüsse zur Verfügung. Dieses sogenannte Schülertelefon wird nur von den Schülern bedient. Mit der Planung der Telefonzeiten schaffen wir strukturelle Sicherheit für unsere Schüler. Sie wissen, dass diese Zeit für sie zur Verfügung steht. Sie lernen ihren Tagesablauf so zu gestalten, dass sie die Telefonzeit genießen können. Die Gespräche erhalten dadurch den notwendigen Stellenwert. Zudem stellen wir auch für die Eltern eine Verbindlichkeit her. Es ist wichtig, dass sie sich melden und so am Leben ihres Kindes teilhaben. Diese Vorgehensweise hat sich bewährt.
Die Kinder und Jugendlichen können sich zum Telefonat zurückziehen und ungestört sprechen. Darüber hinaus haben sie in Absprache mit den Erziehern natürlich die Möglichkeit, ihre Eltern anzurufen. Ferner schreiben sie gerne Briefe und Mails an ihre Eltern und Freunde. In unserem kleinen Besprechungszimmer und im Erzieherzimmer stehen für die Schüler Computer mit Internetanschluss zur Verfügung; im Büro kann gefaxt werden. Zu den Aktivitäten außerhalb des Internats können die Schüler ihr Handy mitnehmen. Diese Möglichkeiten werden entsprechend der individuellen Verantwortlichkeit abgesprochen. -
Kontaktmöglichkeit zum Landesjugendamt
Die Anschrift und die Rufnummer des zuständigen Mitarbeiters im Landesjugendamt stehen für alle zugänglich in der Hausordnung. Die Kinder und Jugendlichen sowie die Eltern/ Sorgeberechtigten erhalten beim Vorstellungsgespräch bereits ein Exemplar. Im unteren Flurbereich hängt die Hausordnung zudem aus. Kinder und Jugendliche können bei Bedarf schriftlich oder telefonisch Kontakt mit dem Landesjugendamt aufnehmen. . -
Kontaktmöglichkeit zur Landesombudsperson
Es gibt ein landesweites unabhängiges Ombudssystem in der Kinder- und Jugendhilfe.Mit Hilfe dieser Beratung sollen Eltern und Kinder unterstützt werden, ihre Interessen zu formulieren und sich in die Abläufe der Praxis der Kinder- und Jugendhilfe einzubringen. Diese Hilfe ist kostenfrei. Sie hat eine unterstützende, aufklärende und vermittelnde Funktion. Die Berater arbeiten weisungsfrei. Die Kontaktdaten der örtlichen Ansprechpartnerin werden den Eltern und den Kindern im Aufnahmegespräch mitgeteilt. Sie sind in der Hausordnung aufgenommen und entsprechend in den Gängen zusätzlich ausgehängt.
Gesprächsangebote in unterschiedlichen Formen außerhalb des Internats
Auch außerhalb unserer Einrichtung bestehen für die Kinder und Jugendlichen verlässliche Möglichkeiten der Beteiligung und Beschwerdeführung. Die Kinder und Jugendlichen können telefonisch oder per E-Mail Termine vereinbaren.
Für die Vorgehensweise im Beschwerdefall liegt ein Merkblatt vor, das den Kindern und Jugendlichen sowie den Eltern/ Sorgeberechtigten ausgehändigt wird:
Wenn Sie Anlass zur Beschwerde haben ...
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